Hereditäre motorisch sensible Neuropathie

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Hereditäre motorisch sensible Neuropathie (HMSN)

 

Neuropathie mit Neigung zu Druckläsionen (HNPP)

 

 

Erkrankung Gen OMIM
HMSN 1A 17p11.2, PMP22 118220
HMSN 1B MPZ 118200
HMSN 1C LITAF 601098
HMSN 1D EGR2 607678
HMSN 1E PMP22 118300
HMSN 1F NEFL 607734
HMSN 2A2 MFN2 609260
HMSN 2B1 LMNA 605589
HMSN 2E NEFL 607684
HMSN 2I MPZ 607677
HMSN 2J MPZ 607736
HMSN 4C SH3TC2 601596
HMSN X1 CX32 304040
Déjérine-Sottas Syndrom MPZ, PMP22, EGR2 145900
HNPP 17p11.2, PMP22 162500

 

Klinik / Indikation

 

Für die hereditäre motorisch sensible Neuropathie (Charcot-Marie-Tooth Syndrom) sind bisher sieben Typen bekannt, wobei nur vier Typen für die Klinik relevant sind. Die molekulargenetischen Befunde sind mit der klinischen Einteilung noch nicht in Einklang zu bringen. Die Prävalenz liegt zwischen 1:10.000 und 4:10.000.

 

Die HMSN Typ 1 (OMIM 118220) stellt eine vorwiegend motorische Polyneuropathie mit distalen atrophischen Paresen, besonders der unteren Extremitäten, dar. Die Erkrankung ist durch segmentale Demyelinisierung und der Bildung hypertropher Regeneraten von Schwann-Zellen in „Zwiebelschalenkonfiguration“ charakterisiert. Der Erbgang ist vorwiegend autosomal-dominant, wobei Homozygotie der dominanten Mutationen mit einem schweren Verlauf einhergeht. Autosomal-rezessive und X-gebundene Vererbung sind selten.

Eine wesentliche Zuordnung zu diesem Typ ist die verminderte motorische Nervenleitgeschwindigkeit (NLG), gemessen am N. medianus. Die Erkrankung manifestiert sich bis zum 25. Lebensjahr, das mittlere Manifestationsalter beträgt 12 Jahre. Die NLG erreicht allerdings zwischen dem 6. Monat und dem 5. Lebensjahr nahezu endgültige Werte - also weit vor den ersten klinischen Zeichen.

Die Verläufe mit autosomal-rezessivem Erbgang sind schwerer. Die X-dominaten Verläufe sind ähnlich den autosomal-dominanten, wobei die männlichen Mitglieder schwerer betroffen sind und früher erkranken.

 

Die HMSN Typ 2 (OMIM 118210) ist durch axonale Neuropathie mit normaler NLG charakterisiert. Diese Form ist seltener, verläuft langsamer, tritt auch vorwiegend autosomal-dominant, aber auch autosomal-rezessiv auf. Eine Abgrenzung von toxischen und symptomatischen Formen der axonalen Neuropathie kann schwierig sein.

 

Die HMSN Typ 3 (Déjérine-Sottas Syndrom; OMIM 145900) ist wie die HMSN vom Typ 1 eine demyelinisierende hypertrophe Form und manifestiert sich in den ersten beiden Lebensdekaden. Die Kinder lernen verspätet laufen bzw. verlernen es wieder. Die Erkrankung geht mit generellem Reflexverlust, ausgeprägten Sensibilitätsstörungen und weiteren neuroskeletalen Befunden einher und ist rasch progredient. Die Lebenserwartung ist reduziert.

 

Die HMSNX (OMIM 302800) kann durch axonal oder demyelinisierte Neuropathie mit reduzierter Nervenleitgeschwindigkeit gekennzeichnet sein. Jungen sind meist stärker betroffen als Mädchen.

 

Die Neuropathie mit Neigung zu Druckläsionen (HNPP; OMIM 162500) ist wesentlich seltener als die HMSN Typ 1. Der Erbgang ist autosomal dominant. Die Erkrankung manifestiert sich in der zweiten und dritten Lebensdekade. Klinisch sind rezidivierende Drucklähmungen nach minimalen mechanischen Traumen typisch.

 

Weitere Formen der HMSN sind:

 

  • Morbus Refsum (HMSN 4): Ein Defekt im Abbau verzweigt-kettiger Fettsäuren mit Speicherung von Phythansäure;

  • HMSN mit Spastik: Die Erkrankung kann als spastische Paraplegie mit distalen atrophischen Paresen der Beine oder der Arme imponieren. Die Nervenleitgeschwindigkeit ist nicht wesentlich vermindert. Der Erbgang ist autosomal dominant, seltener autosomal rezessiv;

  • HMSN 6 mit Optikusatrophie: Die Erkrankung ist heterogen, eine Zuordnung zur HMSN Typ 1 oder 2 wird gelegentlich möglich sein;

  • HMSN 7 mit Retinitis pigmentosa, die klinisch kein einheitliches Krankheitsbild und keine einheitliche Vererbung zeigt;

  • kongenitale Hypomyelinisierungsneuropathie: Die Erkrankung beginnt im 2. Jahr klinisch mit muskulärer Hypotonie, Schluck- und Atemstörungen. Die Nervenleitgeschwindigkeit ist meist vermindert:

  • Amyelinisierungsneuropathie: Die Neuropathie ähnelt der kongenitalen Hypomyelinisierungsneuropathie und stellt möglicherweise nur deren schwere progrediente Verlaufsform dar. Eine Arthrogryposis multiplex ist hier häufig.

 

Genetik

 

Mit der hereditären motorisch sensiblen Neuropathie sind mindestens 40 Loci und bislang 29 bekannte Gene assoziiert. Diese Gene kodieren für Proteine mit unterschiedlichen Funktionen.

 

Sieben der mit einer HMSN assoziierten Gene werden in unserem Labor analysiert:

  • das PMP22 Gen auf 17p11.2-12,

  • das MPZ Gen auf 1q22-23,

  • das MFN2  Gen auf 1p36.2

  • das LMNA Gen auf 1q21.2

  • das CX32 Gen auf Xq13.1

  • das EGR2 Gen auf 10q21.3

  • das LITAF Gen auf 16p13.3

  • das NEFL Gen auf 8p21.2 

Dem häufigsten Subtyp HMSN 1A liegt eine stabile Tandem-Duplikation von 1.4 Mb zugrunde, die bei 70 bis 85 Prozent der Patienten nachgewiesen werden kann - bei sporadischen Fällen sogar bis zu 90 Prozent. Damit kann eine erhöhte Gendosis des PMP22-Gens als Hauptursache der Erkrankung angenommen werden. Selten sind Basenautausche im PMP22-Gen Ursache der HMSN 1A (ca. 1 %). Für die HMSN Typ 1B - aber auch bei der HMSN Typ 2 und Typ 3 sowie einer seltenen kongenitalen Hypomyelinisierung - wurde eine große Anzahl von Mutationen im MPZ-Gen gefunden. Die DNA-Veränderungen reichen von missense- und nonsense-Mutationen zu frameshift-Mutationen. In seltenen Fällen sind Sequenzveränderungen in den Genen EGR2, LITAF (SIMPLE) oder NEFL Ursache für eine HMSN Typ 1.

 

Die HMSN Typ 2 wird bei etwa 20% der Erkrankten durch Veränderungen (vor allem Missense- und Nonsense-Mutationen) in dem MFN2-Gen verursacht. Seltener können Mutationen im MPZ, LMNA oder im NEFL-Gen nachgewiesen werden.

 

Die X-chromosomal dominante Form (HMSN X) ist durch Mutationen im CX32-Gen bedingt, ein Gen mit vielen funktionellen Domänen. Entsprechend konnte eine Vielzahl von Mutationen nachgewiesen werden. Das Gen exprimiert ein Gap-Junction Protein, das regulatorische Funktion beim Ionentransport der Membranpore hat.

 

Die größte Mutationsdatenbank aller an der HMSN beteiligten Gene ist die Inherited Peripheral Neuropathies Mutation Database in Belgien.

 

Bei der HNPP, der tomakulösen Neuropathie, konnte bei über 85 Prozent der Patienten eine Deletion des PMP22-Gens nachgewiesen werden, die reziprok zur Duplikation der HMSN 1A zu sehen ist. Darüber hinaus gibt es in seltenen Fällen auch Mutationen im PMP22-Gen.

 

Diagnostik

 

Aus genomischer DNA wird mittels MLPA (Multiplex Ligation-dependent Probe Amplification) eine Analyse zum Nachweis von Deletionen bzw. Duplikationen durchgeführt. Mit dieser Methode der genomischen Quantifizierung ist es möglich, sowohl die für die HMSN Typ 1A typische Duplikation als auch die für die HNPP typische Deletion auf Chromosom 17p11.2 nachzuweisen.

 

Kann hierbei keine krankheitsverursachende Veränderung nachgewiesen werden, erfolgt bei der HMSN Typ 1 eine Analyse des PMP22- (HMSN 1A) und MPZ-Gens (HMSN 1B). Hierbei werden die Exons 1-4 des PMP22-Gens bzw. die Exons 1-6 des MPZ-Gens mittels PCR amplifiziert und einschließlich der Intron/Exon-Spleißstellen sowie der flankierenden intronischen Sequenzen mit Hilfe der Sequenzierung analysiert. Bei unauffälligem Befund kann eine Untersuchung der Gene ERG2, LITAF und NEFL angeschlossen werden.

 

Bei der HMSN Typ 2 werden die Exons 3-19 des MFN2-Gens sowie die Exons 1-6 des MPZ-Gens mittels Sequenzierung untersucht. Bei unauffälligem Befund kann eine Untersuchung des LMNA-Genes angeschlossen werden. Bei unauffälligem Befund kann eine Untersuchung der Gene LMNA und NEFL ausgeschlossen werden.

 

Beim Déjérine-Sottas Syndrom (HMSN Typ 3) wird eine vollständige Analyse des PMP22-, MPZ und EGR2-Gens durchgeführt.

 

Bei der HMSN Typ 4C werden die Exons 1-17 des SH3TC2-Gens mittels Sequenzierung untersucht. 

 

Bei der X-chromosomal dominaten Form der HMSN (HMSN X) erfolgt eine Amplifikation des codierenden Exons 2 des CX32-Gens mittels PCR und eine Analyse mit Hilfe der Sequenzierung einschließlich der Intron/Exon-Spleißstellen sowie der flankierenden intronischen Sequenzen. Neben der Sequenzierung wird zusätzlich aus genomischer DNA mittels MLPA (Multiplex Ligation-dependent Probe Amplification) für das codierende Exon 2 des CX32-Gens eine Analyse zum Nachweis von Deletionen bzw. Duplikationen durchgeführt.

 

Der Bearbeitungszeitraum für die Duplikations- bzw. Deletionsanalyse beim Indexpatienten liegt bei etwa 2 Wochen. Bei Mutationssuchen im PMP22-, MPZ-, MFN2-, LITAF-, EGR-, NEFL-, LMNA-, SH3TC2- und CX32-Gen ist eine Bearbeitungszeit von etwa 6 Wochen erforderlich. Für den Nachweis bzw. den Ausschluß bereits bekannter Veränderungen bei weiteren Familienmitgliedern ist ca. 1 Woche anzusetzen.

 

Untersuchungsmaterial

 

2 ml EDTA-Blut des Indexpatienten sowie weiterer Familienmitglieder. Versand der Proben ungekühlt im Transportröhrchen.

 

Kontakt

 

Dipl.-Ing. (BA) Steffi Döhnert

 

Tel.: 0351 / 492 78 950        Fax: 0351 / 492 78 955        e-mail: info@praxisverbund-humangenetik.de

 

 Letzte Aktualisierung: November 2014

 

Die Untersuchung unterliegt nicht der Budgetierung.

 

Mitteldeutscher Praxisverbund Humangenetik

Molekulargenetisches Labor

Friedrichstraße 38/40    01067 Dresden